Chongqing – Verrückt, vertikal, unvergesslich!

Ni Hao liebe Freunde und Familie,

Chongqing ist keine Stadt, die man als Tourist normalerweise bereist. Wir wurden lediglich durch Instagram-Reels (kleine Videos) darauf aufmerksam. Die Stadt ist für ihre Architektur bekannt, da sie an einen Berg gebaut wurde. Das merkt man besonders, wenn man die Stadt zu Fuß erkundet oder ebenerdig auf einen Platz läuft und plötzlich bemerkt, dass man auf einem Häuserdach steht – während es auf der anderen Seite 22 Stockwerke in die Tiefe geht. Verrückt!

Wir kamen gegen 11 Uhr in dieser außergewöhnlichen Stadt an, liefen durch die Sicherheitskontrollen am Bahnhof und suchten uns ein Taxi, das uns zum Hotel brachte. Leider konnten wir noch nicht einchecken, aber unser Gepäck abstellen. Und schon ging es los in die Stadt.

Wir besuchten genau diesen zuvor erwähnten Platz, an dem man die Vertikalität der Stadt besonders gut wahrnehmen konnte. Ich wünschte, ich könnte das Video hier hochladen, aber vielleicht erinnert ihr euch daran, dass ich es in meinem Instagram- und WhatsApp-Status gepostet habe. Wir kamen von einer Straße, auf der Autos fuhren, stiegen zehn Treppenstufen hinauf und befanden uns auf einem riesigen Platz, auf dem sich ein Supermarkt und ein paar Souvenirläden befanden. Wenn man dann den Platz überquerte, stand man vor zwei Brücken, die in ein Krankenhaus führten, während es unter der Brücke 22 Stockwerke in die Tiefe ging. Wir liefen bestimmt zehnmal von rechts nach links, blickten über die Mauer hinweg in die Tiefe und bestaunten diese surreale Szenerie.

Was in China neben solchen architektonischen Besonderheiten noch auffällt, sind die Touristen. Man grüßt sich immer höflich, weil es eher die Ausnahme als die Regel ist, hier anderen Nicht-Chinesen zu begegnen.

In diesem Fall grüßte ich eine Frau in meinem Alter, die mich prompt ansprach und sich als Jasmine vorstellte. Sie fragte, woher wir kommen, ob wir auch Studenten sind und was wir hier machen. Schnell gesellten sich noch ein paar andere junge Leute zu uns, und wir kamen alle ins Gespräch. Jasmine und Saddam stammen aus Tansania, Azza aus Tunesien und Uthman aus Nigeria. Alle vier hatten durch Stipendien die Möglichkeit erhalten, in China zu studieren – Saddam in Chengdu, die anderen drei in Xi’an. Ihre Heimatländer fördern damit die Ausbildung junger Leute, was dort oft nicht in gleichem Maße möglich ist.

Wir unterhielten uns locker eine halbe Stunde und wurden von unzähligen Chinesen und ihren Kindern um gemeinsame Fotos gebeten.

Die vier waren ebenfalls erst seit einem Tag in Chongqing und wollten die Stadt erkunden. Kurzerhand schlossen Sascha und ich uns ihnen an, immerhin wollten wir auch noch etwas von der Stadt sehen. Die vier konnten sogar ein wenig Chinesisch sprechen, sodass sie sich mit den Leuten um uns herum verständigen konnten. Außerdem versuchten sie, uns noch ein paar weitere chinesische Floskeln beizubringen, damit wir mehr als nur „Hallo“ und „Danke“ sagen konnten. So lernten wir noch „Kein Scharf“, „Gern geschehen“ und „Auf Wiedersehen“ auf Chinesisch – „Bù là“, „Bù kèqì“ und „Zàijiàn“.

Gemeinsam besuchten wir ein Einkaufszentrum, in dem sich ein ganzer kleiner Dschungel verbarg. Dort konnte ich mir noch einen zweiten Pullover kaufen, weil ich langsam mal etwas zum Wechseln brauchte – und man hier leider nicht an jeder Straßenecke einen Waschsalon findet. Ein gemeinsames Essen war auch noch drin, außerdem tauschten wir unsere Kontaktdaten via Instagram und WeChat aus, mit dem Versprechen, uns in Xi’an wiederzutreffen.

Sascha und ich erkundeten später noch die Skyline von Chongqing bei Nacht und riefen spontan in Deutschland bei Geli und Jeftah an, um die beiden zu deutschen Mittagszeiten daran teilhaben zu lassen. Spontan und lustig wie immer. 😉

Schließlich checkten wir in unserem Hotelzimmer ein – und waren geplättet von dem Luxus, den wir dort hatten. Wir haben gewohnt wie Millionäre – jedenfalls stellen wir es uns so vor. Vorhänge, die sich automatisch über Lichtschalter am Bett steuern lassen. Ein Badezimmer mit passiver Beleuchtung am Boden, damit man nachts, wenn man mal aufs Klo muss, nicht komplett geblendet wird. Ein Spiegel, der beheizt ist, damit er nicht beschlägt, wenn man duscht. Eine Leinwand samt Beamer über dem Bett. Weiche, bequeme Matratzen. Und obendrauf eine Aussicht auf die Skyline von Chongqing – und das alles für nur 25 € die Nacht! In Laos hatten wir für so viel mehr Geld so viel Schlechteres bekommen.

Natürlich hatten wir das Hotel vorab schon ausgesucht und gebucht. Die Bilder sahen top aus – aber manchmal sind Bilder eben schöner als die Realität. Wir wussten anfangs nicht, was wir von China erwarten sollten. Doch ab jetzt freuten wir uns auf alle zukünftigen Hotels!

In Chongqing verbrachten wir insgesamt drei Nächte. Am nächsten Tag erkundeten wir die Altstadt von Chongqing, die sich mitten im Herzen der Stadt befindet und sich an den Berg schmiegt. Hier entdeckte ich dann auch mein neues Hobby für die nächsten zweieinhalb Wochen: Stempelsammeln! In jeder Stadt gibt es typische Stempel zu finden. Also kauften wir uns ein kleines Buch – und los ging die Stempeljagd! Dafür klapperten wir viele Souvenirshops ab, denn dort findet man sie oft. Außerdem besuchten wir ein chinesisches Teehaus und eine Galerie mit Fotografien aus Chongqing.

Azza hatte mir am Vortag erklärt, wie man in China Kaffee bestellt. Hier gibt es zwar überall Starbucks, aber auch das chinesische Pendant „Luckin Coffee“, das deutlich günstiger ist. Da man in China ohne Alipay so gut wie nichts bezahlen kann (wir haben nicht einen Cent Bargeld abgehoben, sondern überall nur mit dem Handy via QR-Code gezahlt), kann man in der Alipay-App auch direkt die App von Luckin Coffee öffnen und seinen Kaffee auswählen. Für die ersten fünf Bestellungen gibt es zudem tolle Rabatte – so bekam ich meinen Pistazienkaffee zum Mitnehmen für gerade mal 2,50 €. Danach geht man nur noch in den Laden, zeigt seine Bestellnummer und holt sich seinen Kaffee ab.

Das war für uns einfach optimal, denn: Wir sprechen kein Wort Chinesisch – und die Chinesen in 95 % der Fälle kein Englisch. Am Ende läuft die gesamte Kommunikation über Google Translate. Dank der App mussten wir in diesem Fall gar nicht mit Menschen interagieren – auch mal entspannt. 😄

Vom Altstadtviertel ging es weiter durch die Stadt: Berge hoch, Berge runter, zwischendurch mal zwei Stationen mit der Bahn fahren (auch hier reichte der QR-Code in der Alipay-App) und wieder aussteigen, ein bisschen weiterlaufen – aaaah, ja! Hier fährt eine Bahn einfach mitten durch einen Wohnblock.

WILD, sag ich euch! Wir standen locker 20 Minuten vor dem Gebäude und beobachteten, wie die Bahnen alle vier Minuten durch das Haus fuhren – und das völlig geräuschlos. Generell kam uns China erstaunlich leise vor, was vor allem an den zahlreichen E-Autos liegt, die hier in 97 % der Fälle fahren. Und zwar von Marken, von denen wir zum Großteil noch nie gehört hatten. Wenn dann doch mal ein BMW oder Mercedes vorbeifuhr, drehten wir uns gleich zweimal um – nur um festzustellen, dass das hier die lauten Autos sind! Die Motoren schnurren nicht sanft, sondern donnern lautstark durch die Straßen.

Auch die Bahnen sind elektrisch, die Schienen gut instandgehalten – kein Quietschen in den Kurven! (Gell, Stuttgarter Straßenbahnen, ich rede da mit euch. 😜)

Ein Stück entfernt von dem berühmten Wohnhaus mit der Bahn entdeckten wir ein großes Einkaufszentrum, das sich unter vier miteinander verbundenen Türmen erstreckt. Wir schlenderten hindurch und fanden eine kleine Bäckerei. Nach Wochen des eigenwilligen Weißbrots in Südostasien war ein guter Nusszopf eine echte Wohltat – und gegen das Knoblauchbaguette ließ sich auch nichts sagen! 😋

Zum Abschluss des Tages ging es noch auf die andere Flussseite, wo wir nochmals ein bisschen abstrakte Architektur bewunderten. Hier führen mehrere Autobahnen über verschiedene Brücken durch die Stadt – und wenn ich „mehrere“ sage, meine ich fünf bis sechs Brücken, die quer und wild übereinander gebaut wurden. Eine höher als die andere, einige kreisförmig, andere schnurgerade. Einfach beeindruckend!

Damit verabschiedeten wir uns aus Chongqing. Diese Stadt hat uns wirklich in ihren Bann gezogen – aber unsere Lieblingsstadt wird sie nicht. Dafür hat uns hier ein bisschen mehr Kultur gefehlt. Trotzdem wollten wir diesen besonderen Ort auf keinen Fall verpassen!

Liebe Grüße nach Hause,
Jessi & Sascha